Vers 1 · Die Eröffnung
Was bedeutet »Der Herr ist mein Hirte« genau?
Die berühmteste Zeile des Psalters wird oft als Stimmungsbild gelesen. Sie ist das Gegenteil: eine nüchterne Feststellung darüber, wer für wen die Verantwortung trägt.
Psalm 23, Vers 1 · Schlachter 2000 Ein Psalm Davids. Der Herr ist mein Hirte ; mir wird nichts mangeln .
Ein Arbeitsverhältnis, keine wohlige Stimmung. Der Psalmist sagt, dass der Gott Israels die
Verantwortung für ihn übernommen hat, so wie ein Hirte die Verantwortung für ein einzelnes Tier
übernimmt: füttern, führen, verteidigen, zurückholen. Matthew Henrys Gliederung zieht daraus den
Schluss für den ganzen Psalm — weil Gott sein Hirte ist, folgert David, es werde ihm nichts
Gutes fehlen
. Die erste Zeile ist eine Prämisse; die übrigen fünf Verse sind das, was daraus
folgt.
Eine bescheidene Zusage — und ein Verfasser, der Hunger kannte
Vers 1 ist eine Aussage über Versorgung, und Henry hält sie bescheiden: die Zusage gilt
allem, was wirklich nötig und gut für mich ist
, nicht allem, was man sich wünscht. Das
ist keine Abschwächung, sondern die Bedingung dafür, dass der Satz wahr bleiben kann — ein
Versprechen unbegrenzter Wünsche würde an jedem Krankenbett zerbrechen.
Henry erinnert auch daran, dass David den Mangel von innen kannte — Einmal schickte er
seine Leute zu Nabal, um für ihn zu betteln, ein andermal ging er selbst zu Ahimelech
betteln
. Der Mann, der diese Zeile schrieb, hatte also Tage erlebt, an denen die Versorgung
ausblieb, und hielt den Satz trotzdem für belastbar. Genau das unterscheidet ein geprüftes
Bekenntnis von einer Postkartenweisheit: Es weiß, wogegen es gesagt wird.
Wie es weitergeht, wenn die Prämisse steht, zeigt Vers 2: die Versorgung bekommt Bilder — eine Aue und ein Wasser, das stillsteht.