Vers 4 · Das Tal
Das finstere Tal — und wer hindurchgeht
Kein Vers des Psalms wird öfter gesucht, an keinem hängt mehr: Er wird an Gräbern gelesen, in Krankenzimmern, in Nächten, über die man hinterher nicht spricht. Er verdient eine genaue Lektüre — einschließlich seiner Übersetzungsfrage.
Psalm 23, Vers 4 · Schlachter 2000 Und wenn ich auch wanderte durchs Tal der Todesschatten , so fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir; dein Stecken und dein Stab, die trösten mich.
Psalm 23, Vers 4 · Lutherbibel 1912 Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und dein Stab trösten mich.
Zwei Lesarten, offen benannt
Wer beide Spalten oben vergleicht, sieht den Unterschied sofort: Die Schlachter 2000 — die Standardübersetzung dieser Ausgabe — nennt an dieser Stelle den Schatten des Todes beim Namen; die Luther-Tradition spricht vom finsteren Tal. Beide Lesarten sind alt, beide sind vertretbar: Das hebräische Wort hinter der Stelle lässt sich als tiefste Finsternis wie als Todesschatten hören. Diese Ausgabe legt ihre Entscheidung offen: Die Kommentarprosa auf dieser Seite folgt dem vertrauten Wort vom finsteren Tal, weil es die Redeweise ist, in der deutsche Leser dem Vers begegnen — der Vers selbst steht darüber im Wortlaut der Schlachter 2000, die anders liest. Keine der verfügbaren deutschen Übersetzungen deckt beide Vokabelentscheidungen dieser Ausgabe zugleich; statt die Differenz zu verschweigen, stellt die Vergleichsspalte die andere Lesart daneben. Wo Henry das Wort vom Schatten selbst zergliedert, spricht auch der Kommentar vom Todesschatten.
Was Henry im Tal sieht
Vers 4 setzt das Schlimmste voraus — eine Gefahr, tief wie ein Tal, dunkel wie ein
Schatten und schrecklich wie der Tod selbst
— und antwortet nicht mit Verleugnung, sondern
mit Fassung: Ein Kind Gottes kann den Boten des Todes begegnen und dessen Vorladung mit
heiliger Sicherheit und Gelassenheit des Gemüts entgegennehmen
. In der Zergliederung des
Schattens steckt Henrys eigentlicher Trost: Ein Schatten kann erschrecken, aber nicht zubeißen;
er beweist sogar, dass irgendwo ein Licht steht.
Warum sagt der Vers, Furcht sei unnötig? Wegen dessen, der da ist, und nicht wegen dessen,
was fehlt. Matthew Henry bringt die Frage auf eine einzige Zeile — Warum sollte es
schrecklich sein, wenn nichts Schädliches darin ist
? — und begründet die Antwort mit
Begleitung statt mit Umständen: die Heiligen haben Gottes gnädige Gegenwart bei sich in ihren
Sterbestunden
. Der Vers behauptet nicht, das Tal sei ungefährlich. Er behauptet, der Gehende
sei nicht allein.
Für Trauerfeier und Beerdigung
Wer diesen Vers für eine Trauerfeier sucht, darf ihn ohne Umdeutung verwenden — er ist für solche Stunden gebaut. Zwei Hinweise aus der Lektüre oben: Der Vers beschreibt ein Hindurchgehen, kein Verbleiben; das Tal ist im Satz des Psalms eine Wegstrecke mit zwei Enden. Und er wechselt mitten im Satz die Anrede — von „er" zu „du" —, denn im Tal redet man nicht mehr über den Hirten, sondern mit ihm. Wer den Vers laut liest, liest an dieser Stelle langsamer.
Nach dem Tal deckt der Psalm einen Tisch: weiter zu Vers 5.